10.12.2016FDPBildung

BEER-Gastbeitrag: Deutschland muss wieder Ehrgeiz entwickeln und Bildungsideologen Rote Karte zeigen

Berlin. Die FDP-Generalsekretärin NICOLA BEER schrieb für „Focus Online“ den folgenden Gastbeitrag:

Wenn man von Deutschland als Land der Dichter und Denker sprach, so umfasste dies nicht nur die Geistes-, sondern auch die Naturwissenschaftler. Trennungen, wie sie heute üblich sind, hätten sich Johann Wolfgang von Goethe und Alexander von Humboldt drastisch verbeten. Sie und ihre Zeitgenossen forderten Interdisziplinarität.

Und heute? Da kokettieren angeblich Intellektuelle damit, in Mathematik oder Physik eine absolute Niete gewesen zu sein, man lacht herzhaft und macht sich abfällig über sogenannte Nerds lustig. Die Coolen waren im Geschichtskurs, die Außenseiter im Physik-Leistungskurs. „Strebsam“ stand im Wörterbuch der Möchtegern-Intellektuellen unter der Rubrik „Schimpfwort“, Leistungsfreude machte verdächtig.

Das rächt sich jetzt. Zwölf Jahre nach dem PISA-Schock haben zwei weitere Studien – TIMSS und PISA – belegt, dass die Schüler in Deutschland, das seinen Wohlstand vor allem aus den weltweit erwirtschafteten Erträgen seiner Ingenieurskunst bezieht, erneut in Mathematik und Naturwissenschaften hinterherhinken. Und alles, was der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, der SPD-Politikerin Claudia Bogedan, dazu einfällt, ist, zur Gelassenheit aufzurufen. „Es gibt eine Stabilisierung auf hohem Niveau, auf die man durchaus stolz sein kann“, so ihr Fazit, und weiter: „Wir haben unseren Platz in der Rangliste gehalten, andere Länder haben sich verschlechtert.“

Das ist so, als würden deutsche Schwimmer bei Olympia feiern, dass sie während des Wettkampfs nicht ertrunken sind. Es kann doch nicht sein, dass die Zufriedenheit der deutschen Bildungshüter darauf gründet, im Gegensatz zu anderen von Mittelplätzen nicht weiter abgerutscht zu sein! Da ist es auch nur bedingt tröstlich, wenn die oberste Bildungshüterin bekräftigt, das Ziel der deutschen Bildungspolitik sei, „weiter nach oben aufzuschließen“. Ehrgeiz klingt anders.

Es gab Zeiten, da richteten sich die Augen der Welt auf die deutsche Wissenschaft, die als beispielhaft galt. Deutsch war neben Englisch und Französisch fast ein Jahrhundert lang führende Wissenschaftssprache. Kein Wunder, schließlich stammten im 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert zahlreiche Erfindungen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem deutschsprachigen Raum. Vor allem in Asien hatten die deutschen Naturwissenschaftler Vorbildcharakter, von dem wir heute noch zehren. Doch während der Ingenieursnation Deutschland der naturwissenschaftliche Nachwuchs verloren geht, freut man sich in Singapur erneut über den Spitzenplatz.

Deutschland muss endlich wieder Ehrgeiz entwickeln und Bildungsideologen die Rote Karte zeigen. Denn sie verspielen nicht nur die Zukunft der ihnen anvertrauten Kinder, sie führen unser Land auf ein Abstellgleis.

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